Masuren im Norden Polens ist berühmt für seine tiefblauen Seen, die sanft hügelige Landschaft und die sich schier endlos hinziehenden Alleen. Doch seit Monaten sind dort die Holzfäller unterwegs und richten ein regelrechtes Baum-Massaker an. Wo einst mächtige Eichen, Linden und Birken standen, erstreckt sich heute eine platte Ödnis. An manchen Straßen liegen die gefällten Baumriesen noch, vielfach zerstückelt, an anderen kreischen noch die Kettensägen und die nächsten Bäume fallen.
"Masuren rasiert" titelte bereits im Frühjahr das Nachrichtenmagazin Polityka. "Von den einst prächtigen Alleen stehen nur noch hunderte von Stümpfen. Es ist eine Tragödie." Zwar protestieren immer mehr Umweltschützer gegen die Kahlschlagpolitik der masurischen Kommunalverwaltungen, doch gegen das "Sicherheits"-Argument der Straßenbauer kamen sie bislang nicht an. Selbst Leszek Szatkowski, der Verwaltungschef der Wojwodschaft Ermland-Masuren in Olsztyn / Allenstein konnte mit seiner Mahnung, den einzigartigen Charakter der masurischen Landschaft nicht zu zerstören, nichts ausrichten. "Die Unfälle werden doch nicht von den Bäumen verursacht, sondern von den zu schnellen und oft betrunkenen Autofahrern", so Szatkowski. "Die Zahl der Todesfälle werde nicht zurückgehen, wenn die Straßen breit ausgebaut seien. Dann rasen die Leute doch noch mehr."
Mitschuld am Baummassaker in Masuren ist das polnische Parlament. Mit einem neuen Umweltgesetz entmachtete es vor gut einem Jahr den Naturkonservator. Ab sofort mussten die Gemeinde- und Stadtverwaltungen den Konservator nicht mehr fragen, wenn sie alte Bäume oder ganze Alleen fällen wollten. Der Kahlschlag begann. Dass Landstraßen auch anders modernisiert werden können, zeigt das Beispiel in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Dort stehen die Allen unter Denkmalschutz, werden gepflegt und instand gehalten. Wenn einmal ein Baum gefällt werden muss, weil er krank ist oder überaltert, wird er durch einen neuen ersetzt. Selbst die Verbreiterung der Allen ist möglich, ohne sie zu zerstören. Entweder werden nur die Bäume auf einer Seite entfernt, dort dann die zweite Fahrbahn gebaut und am neuen Straßenrand wieder Bäume gepflanzt, oder die Allee bleibt so erhalten wie sie ist - und die zweite Fahrbahn wird parallel zur Allee gebaut.
Entsetzt über den Kahlschlag ist auch der Reiseveranstalter Gerd Hesse von DNV-Tours. "Wir bringen jedes Jahr Tausende von Radurlaubern nach Masuren. Und jetzt holzen die dort die Schatten spendenden Alleen ab! Wenn das so weitergeht, müssen wir die Gegend um Nikolaiken demnächst weiträumig umfahren." Gerade die Alleen hätten der masurischen Landschaft ihren unwiederbringlichen Reiz gegeben. "Für den Tourismus ist das eine Katastrophe", sagt Hesse. "Masuren ist eine verträumte Landschaft. Die Touristen suchen dort das Zeitentrückte, Langsamkeit und Ruhe. Und keine kahlen Schnellstraßen."
(Quelle: Gabriele Lesser, Kölner Stadt Anzeiger) |